Filme + Filmer

Vom Gartenfest bis zum Ministerbesuch

Geschichte manifestiert sich nicht nur in den großen Ereignissen des Weltgeschehens, Geschichte entsteht im Alltag. Auch eine so abgelegene Region wie das Havelland zeichnet in seinen privaten Filmaufnahmen von Hochzeiten, Geburtstagen, Urlaubsreisen, Dorffesten und Sonntagsausflügen eine komplexe und lebendige Abbildung der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Havelländer*innen haben alle politischen Entwicklungen der vergangenen acht Jahrzehnte hautnah miterlebt: die Diktatur der Nationalsozialisten, den 2. Weltkrieg, die DDR, die Wende, die "blühenden Landschaften" der Nachwendezeit. Gleichzeitig sind die Menschen aber auch ein wenig mehr bei sich geblieben als die Bewohner*innen der Metropolen, haben ihre ganz spezifische, individuelle Art zu leben und zu denken ein Stückweit bewahren können durch alle wechselvollen Zeiten hindurch.

Die Arbeitswelt vor allem zu DDR-Zeiten wird in eindrucksvoller und sehr vielschichtiger Weise in den Filmen der sogenannten Amateurfilmstudios dargestellt.

Mit den Filmen des Amateurfilmstudios der LPG (P) Linum, das von 1965 bis 1990 vom Traktoristen Emil Jurkowski betrieben wurde und rund 30 Spiel-, Dokumentar- und Arbeitsschutzfilme produzierte, verfügt das Archiv über einen umfassenden und sowohl historisch als auch filmerisch sehenswerten Einblick in den Alltag einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG).

Amateure sind Liebhaber

Den Amateurfilmer schlechthin gibt es nicht: Die privaten Dokumentaristen, die mit einfachen automatischen Kameras Urlaube, Familienfeiern, Dorffeste und die ersten Schritte des Familiennachwuchses festhalten, rangieren genauso unter dem Begriff wie ambitionierte Filmemacher mit semiprofessioneller Ausrüstung und viel Fachkenntnis, die ganze Filmwerke vom Drehbuch bis zum Schnitt selbst herstellen.
Allen gemeinsam ist die Faszination an bewegten Bildern. Die im Archiv HAVELLAND PRIVAT vertretenen Filmemacher sind oder waren mehrheitlich Enthusiasten im besten Sinne, bis zur Besessenheit beseelt von ihrer Liebhaberei und mit schier unerschöpflicher Schaffenskraft.

Amateurfilmer schaffen Zeitdokumente

Trotz all ihrer Besonderheit als Personen und der schöpferischen Energie, mit der sie ihre Filmerei betreiben, sind Amateurfilmer zuerst und vor allem Kinder ihrer Zeit und Spiegel des gesellschaftlichen Umfelds, in dem sie leben.
Die Geschichten, die sie in ihren Filmen erzählen, gehen über ihren eigentlichen Inhalt hinaus. Sie sind Zeitdokumente von großer Unmittelbarkeit und Intensität und eröffnen überraschende Perspektiven auf Geschichte und Gesellschaft.

Die Filmer des Archivs HAVELLAND PRIVAT:

Emil Jurkowski Der Bauer mit der Kamera

Emil Jurkowski ist Bauer und hat sein Leben in Königshorst bei Fehrbellin (Brandenburg) verbracht. Als leidenschaftlicher Fotograf und Hobbyfilmer gelang ihm das Kunststück, vom Traktoristen zum hauptberuflichen Chronisten seiner LPG und seines Dorfes zu werden und im Ein-Mann-Betrieb das Amateurfilmstudio der LPG Linum zu betreiben.
Zwischen 1965 und 1989 drehte Jurkowski rund 30 Filme, mit denen er zahlreiche nationale und einige internationale Amateurfilmpreise gewann. Den heutigen Betrachter überraschen und erfreuen seine Filme vor allem wegen ihrer satirischen Zwischentöne und der feinen Ironie der Bildsprache.

jurkowski-film.de

Eduard Knaak Der Dorfchronist

[Bild]

Bildtext: || Eduard Knaak (rechts) unterwegs als Dorf-Chronist in Sieversdorf ||

Eduard Knaak wurde am 31. Oktober 1919 in Lutschmin Kr. Bromberg Westpreußen geboren. Nach dem Kriege verschlug es ihm in den Kreis Ruppin, da Teile seiner Familie hierher sesshaft wurden. Er lebte fortan in Sieversdorf wo er auch eine Familie begründete. Dort betrieb er einen eigenen Handwerksbetrieb als Malermeister (malermäßige Renovierungen, Glaserei, Handel mit Farben und Tapeten). Ende der 1960er Jahre leitete er die im Ort ansässige KONSUM-Verkaufsstelle (Lebensmittelgeschäft). Jahre darauf übernahm er die Leitung des Feierabendheimes in Hohenofen, welches in der ehemaligen Villa des Besitzers der ebenfalls in Hohenofen ansässigen Papierfabrik dort schon seit dem Ende des 2. Weltkriege ihren Sitz hatte. Im Jahre 1985 starb Eduard Knaak im Alter von 65 Jahren.
Eduard Knaak fand früh zur Fotografie, denn sein älterer Bruder war auch auf dem Gebiet der Fotografie tätig. So kamen gleich von Anfang an in seiner Sieversdorfer Zeit viele Bilder zu Stande. Anfang der 1950er legte er sich auch eine Schmalfilmausrüstung N8, bestehend aus Kamera, Scheinwerfer-Leuchtarm, Projektor und Leinwand, zu. Er war aber nicht der einzige im Dorf, der sich dafür interessierte. Er wurde aber bekannt durch sein unermüdliches Fotografieren und Filmen bei allen möglichen und unmöglichen Situationen und war damit im Dorf ein Begriff. Waren es zunächst die familiären Ereignisse, die im Blickpunkt des filmischen Schaffens standen, kamen über die Zeit auch Aufnahmen aus dem öffentlichen und kulturellen Leben zu Stande. So war Eduard Knaak bei dorfprägenden Ereignissen mit seiner Kamera auch immer sofort zur Stelle. Sei es bei Veranstaltungen jeglicher Art, wie Konfirmationen, Jugendweihen, Hochzeiten oder Geburtstagen, sei es aus dem Dorfleben, wie dem Straßenbau, den Feuerwehreinsätzen oder der Arbeit in der Landwirtschaft, oder sei es bei und nach Naturunbilden, wie Sommergewittern mit Hagel, Schneestürmen im Winter. So entstand in den Jahren von 1954 bis 1985 ein beträchtlicher Umfang an dokumentarischem Filmmaterial, welches in bewegten Bildern, das Leben im Dorf jener Zeit dokumentiert. Eduard Knaak ging seiner filmischen Leidenschaft völlig privat nach und die Dokumentierung von Ereignissen im Dorf entsprach seiner weiteren Leidenschaft, nämlich der chronistischen Aufarbeitung der Geschichte von Sieversdorf. Er begann eine handgeschriebene Chronik zu verfassen und sammelte die Überlieferungen von Zeitzeugen sowie Dokumente. Begleitet war diese Arbeit wie gesagt immer durch Fotokamera und Schmalfilmkamera um auf Bild, Dia oder Film alles festzuhalten.
Eduard Knaak betätigte sich auch in der filmischen Nachbereitung des Materials. Mit den seinerzeit bescheidenen technischen Möglichkeiten versuchte er sich im Schnitt, in der Trickfilmtechnik sowie in der Erzeugung von Vor- und Abspannen. So konnten einzelne dokumentarische Werke, wie z.B. der Film über den Bau der Sieversdorfer Schule 1968 entstehen. Sein Nachlass umfasst Schmalfilmaterial auf 30 Stück 130er-Spulen, zig Dias und unendlich vielen Bildern, bzw. Negativen, welches von allgemeinen chronistischem Interesse für den Ort Sieversdorf und seiner Umgebung ist, ganz zu schweigen von einem ebenso großen Umfang, der einen privaten Bezug hat.
Das Schmalfilmmaterial von Eduard Knaak liegt gänzlich im Format N8, vorzugsweise s/w, seltener in Farbe, als Stummfilm vor. Es ist als gespulter Film auf 130er-Spulen thematisch geordnet.

Otto Knabe Private Leidenschaften

Bildtext: ||Otto Knabe bei der Gartenpflege. Filmstill aus einem 8mm-Film.||

Otto Knabe aus Paulinenaue hat sein privates Leben umfassend mit der 8mm Kamera dokumentiert. Seine Filme spiegeln wieder, was außer der Filmerei die großen Leidenschaften seines Lebens waren: Garten und Reisen.

Herbert Meyer Dörfliche Geselligkeit

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Bildtext: ||Männer in Frauenkleidern. Filmstill aus einem 8mm-Film.||

Herbert Meyer aus Pritzerbe, geboren am 11.01.1927 in Ostpreußen, war gelernter Schweißer, arbeitete erst in der Thälmann-Werft in Brandenburg, später als Normer in Mögelin in einem Betriebsteil des Kombinates Karl-Zeiss-Jena. Herbert Meyer lebte in Pritzerbe und hielt viel vom Dorfleben mit seiner 8mm Kamera fest. So zum Beispiel einen Feuerwehrball aus den 70er Jahren oder die Mai-Demonstration aus dem Jahre 1963.
Herbert Meyer starb am 1.1.2002.

Im Archiv befinden sich ca. 10 Filme von Herbert Meyer.